Die Schenker

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Kopfsprung vom Karussell
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Kopfsprung vom Karussell

Von unserem Redakteur steffen könau

Kopfsprung vom Karussell

Frieden als Aussteiger

Dargelütz/Halle/MZ. Die Lichter. All das Bunte, Glitzernde, Laute. Die vielen Leute, die umeinander rennen, als könnten sie etwas verpassen. Die Pakete schleppen mit Dingen, da ist Frieden sehr sicher, „die sie gar nicht brauchen." Die Geld ausgeben, „weil sie einen Ersatz für Liebe suchen." Der Mann in der Wolljacke streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht und sagt besorgt: „Für mich ist das alles ein Zirkus, ein Karussell, das sich um gar nichts dreht."

Mit der Gnade Gottes

Nun, Frieden zumindest dreht sich nicht mehr mit. Der 34-jährige Hallenser ist ausgestiegen, ist ein Gesellschaftsverweigerer geworden, ein Mann, der allem Besitz abgeschworen hat, um nur noch von dem zu leben, was ihm die Gnade Gottes und die seiner Mitmenschen überlassen will. Frieden, der langsam spricht und immer wieder nach den besten Worten sucht, besitzt im Moment einen Rucksack, ein paar Hosen, eine Jacke, ein Heftchen mit Telefonnummern und die Wanderstiefel, die er an den Füßen trägt. Er hat keinen Cent, keine Kreditkarte, kein Konto. Und ist so glücklicher als jemals zuvor in seinem Leben.

Das war bis vor drei Jahren ein ganz normales: Schule, Abitur, Studium, Beruf. „Aber damals", sagt Frieden, „hatte ich immer das Gefühl, dass das nicht alles gewesen sein kann: In diesem Hamsterrad nach Erfolgen zu hetzen, die mir gar nichts bedeuten."

Frieden grübelt, Frieden zweifelt. „Ich wollte nicht länger schweigen, nicht länger lügen", sagt er. Ringsum sieht der Hallenser nur Unmenschlichkeit, eine Ellenbogengesellschaft ohne Gnade. Er sucht andere Werte. Glaube, Liebe, Gemeinsinn! Eine größere Idee, eine Erfüllung abseits von Stereoanlage und schnellen Autos! Lange sei er zu feige gewesen, nicht nur zu denken, sondern zu tun. Dann aber trifft er „Öff!Öff!“, einen wandernden Prediger des allheilenden Segens aus Schenken und Beschenktwerden. Und aus Eckehart wird Frieden.

Der schlägt sich mit Öff!Öff! und dessen Gefährtin Tü!Tü!, einer jungen Frau aus reichem Hause, die ihr bürgerliches Leben kurz vorm Abitur für beendet erklärt hat, durch seinen ersten Schenker-Winter. Zwanzig Grad Minus und kein Ofen. Hunger und nichts zu essen, außer einem Keller voller Äpfel. Frieden schüttelt die Schultern, als könnten die klammen Erinnerungen von ihm abfallen.

„ Weiter schuldig zu werden wäre falsch."

Frieden

„Ich war das ja damals nicht so gewohnt", sagt er, „und da fragt man sich dann, was man da eigentlich macht." Aber ein Zurück gibt es nicht. In den Wochen zuvor hat Frieden all sein Hab und Gut verschenkt, Wohnung und Job gekündigt. „Ich wollte einen Ausstieg ohne Rückfahrkarte", sagt er. Frieden beantragt kein Arbeitslosengeld. Keine Sozialhilfe. Er hält sich keine Tür offen, steigt nicht auf Probe aus. Gemeinsam mit Tü!Tü! wärmt er die Apfelvorräte, um den Frost abzuhalten. „Frost heißt Fäule", weiß der Diplom-Ingenieur heute, „also haben wir da unten im Stroh geschlafen und Kerzen angezündet, damit unsere Äpfel nicht frieren."

Es ist die Zurückgeworfenheit auf die Grundbedürfnisse der Existenz, die den begeisterten Rockmusikfan früherer Tage, der rauchte und kein Bier stehen ließ, seitdem in einem seltsamen Glückszustand hält. Nichts brauche man wirklich, sagt er, kein Bier, keine Zigarette, keinen Fernseher, keine Musik. „Das merkt man, wenn man nichts mehr hat". Frieden hat nichts. Und er vermisst nichts. Wenn er pilgernd durch die Lande zieht, sich aus Supermarkt-Containern ernährt und schläft, „wo mir Gott ein Bett macht", fühlt er sich selbst in größter Einsamkeit nicht allein. „Eben noch regnet es, Du hast Hunger und frierst", erzählt er, „und Du kannst doch gewiss sein, dass es so nicht bleiben wird."

Ausstieg aus System

Was kann ihm da eine Welt bedeuten, die nur auf Ausbeutung beruht? „Die Starken nehmen es von den Schwachen, die Alten von den Jungen, der Norden vom Süden", sagt Frieden. Nein, das ist ein System, von dem er nicht mehr Teil sein möchte. Natürlich, Eltern und ' Freunde haben ihn nicht verstanden. Was ändert schon der Verzicht eines Einzelnen? Was bringt es, von Stadt zu Stadt zu ziehen und Mäßigung zu predigen mitten im schwappenden Überfluss?

Nichts, sagt er, das sei ihm klar. „Aber nur deshalb weiter schuldig zu werden", glaubt er, „wäre doch falsch." Frieden träumt von einem richtigen Leben neben dem falschen, von einer gewaltfreien Weltrevolution, von immer mehr Menschen, die sich der Abrechenbarkeit aller Dinge verweigern, indem sie verschenken, was sie haben.

In Dargelütz, einem 100-Seelen-Dorf bei Parchim, funktioniert das. Öff!Öff! und Frieden leben hier von geschenkten Früchten auf einem geschenkten alten Hof, den sie mit geschenktem Bau-Material zu einem Haus der Gastfreundschaft umbauen, das jedermann aufnimmt, der an der Pforte klopft. Hier ist Askese Spaß, und Verzicht gilt den Männern, die sich den UrChristen nahe fühlen, als Königsweg zur Weisheit. Es gibt kein fließendes Wasser, keinen Strom, kein Fernsehen, keine Zigaretten und kein Internet. Und für Frieden ist dieses Dasein nah bei Gott und fern der Welt ein Modell für die Zeit, in der „alle Menschen gewahr werden, dass ihr Luxus nur geborgt ist und also verloren gehen muss".

Dann werden sie da sein, mit ihren Gebeten, mit Äpfeln, Selbstversorgung und Genügsamkeit. „Wir bauen mit dem, was keiner mehr will", sagt
Frieden, der ein Netz aus Dörfern entstehen lassen will, die vom Schenken leben. Das wird wohl noch dauern, aber es wird. Und Frieden hat ja Zeit. Vor kurzen erst ist eine neue Bewohnerin zu ihnen gezogen, die Ziegen, Schafe und ein Kurbel-Radio mitgebrachte. Frieden hat sie eine Flöte geschenkt. Der Pilger übt seitdem jeden Tag auf dem Instrument. Und findet die selbst erzeugten Töne schon „viel schöner als die ganze Rockmusik".

Ohne Konsum

„Du wirst nur glücklich, wenn Du deinem Gewissen folgst," lautet einer der Glaubenssätze der radikalen Bewegung der Schenker, die den Ausstieg aus der Konsumgesellschaft durch gewaltfreies Teilen und die Überwindung der Staaten durch die Überflüssigmachung des Geldes propagieren. In der Glaubenswelt der auch in den USA vertretenen Schenker ist die Quelle aller Werte Gott, durch Bescheidenheit und fleißige Arbeit bei der Schaffung von Werten sei es aber jedem möglich, aus der Natur „Schenk-Überfluss" herzustellen, ohne dass dazu „falsche Zivilisationselemente" nötig seien. Neben dem Haus der Gastfreundschaft in Dargelütz existieren mit dem Friedensgarten im sächsischen Pommritz und dem Haus der Gastfreundschaft in Hamburg weitere Schenker-Projekte. Der gemeinnützige „Verein zur Förderung des Schenkens" zählt derzeit 20 Mitglieder.

MZ vom 27.12.2002

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