Niemand glaubt Tü!Tü!
Sie lebt in einer Ruine. Ernährt sich von Äpfeln und Kräutern. Kleidet sich mit einem alten Kartoffelsack. Tü!Tü! will die Welt verändern. Aber keiner hört ihr zu. Regina Käsmayr, Tanja Diesenbacher und Bethel Fath (Fotos) haben die Aussteigerin im sächsischen Pommritz besucht.

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Sie lebt in einer Ruine. Ernährt sich von...
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Es riecht nach Äpfeln. Und nach dem vorigen Jahrhundert. Draußen ist es hell. Aber hier drinnen hat man Angst, über seine eigenen Füße zu
fallen. Es poltert im ober en Stockwerk. Und das gesamte uralte Haus stöhnt unter den Schritten, Der Poltergeist hoppelt die Treppe herunter. Dann schiebt eine Pianistinnenhand den Vorhang vor den Stufen beiseite und gibt den Blick auf Tü!Tü! frei - die Einsiedlerin, die Aussteigerin, die Frau, die nur Äppel frisst". So also sieht sie aus.
Es gab eine Zeit, da war Brigitte ein ganz normales Mädchen. Mit ein paar verrückten Gedanken vielleicht, aber auf dem Weg, den alle für richtig hielten. Ihr Abiturtag vor ihr, ihre Zukunft schien gesichert. Sie hatte Freunde und schicke Klamotten und aß brav all die warmen Gerichte, die ihre Mutter servierte. Bis sie Öff!Öff! traf. Brigitte war damals gerade 18, er zehn Jahre älter. Öffi" pilgerte durch Deutschland, um die Heilung der Welt durch schenkende Liebe" zu
predigen. Er sprach von Besitzlosigkeit, von Revolution und von einer neuen Welt. Und Brigitte war fasziniert, spann die Ideen weiter und pilgerte manchmal ein Stück mit ihm.
Es dauerte fast zwei Jahre, bis Brigitte zu Tü!Tü! wurde. Acht Wochen vor ihrem Abitur war es so weit. Sie ließ all das hinter sich, was ihr nun als gesellschaftlicher Zwang erschien: ihre Ausbildung, ihr Bankkonto, ihre Kleider, sogar ihren Namen. Und zog mit Öffi. Von Süddeutschland in den Norden bis zur Ortschaft Dargelütz in Mecklenburg-Vorpommern, wo sie ein Haus der Gastfreundschaft" gründeten.
Mittlerweile bewohnt Tü!Tü! ein eigenes Haus in Pommritz. Im Gesellschaftsjargon würde man sagen, eine Zweigstelle von Öffis Zentrale. Nachbarn nennen das alte Fachwerkhaus ein verfallenes Dingsbums".
Tü!Tü! nennt es ihr Zuhause. Nicht mal im Krieg haben wir so gelebt", lästern die Anwohner. Der Eigentümer hatte nichts gegen den Einzug der
27-Jährigen einzuwenden. Er interessierte sich mehr für Schnapsflaschen als für seine Ruine.
Drinnen sieht es aus wie im Volkskundemuseum. Steile, kurze Stufen führen zum Wohn- und Schlafraum im ersten Stock. Die Dielen biegen sich durch und entrüsten sich über jeden Fuß, der es wagt, sie zu betreten. Auf dem sauber gefegten Boden steht ein selbst geflochtener Reisigkorb, in dem
Tü!Tü! Schafwolle sammelt. Damit filzt sie Schuhe oder spinnt Wolle. Die Spindel erinnert an Dornröschen. Und nicht nur die. Irgendwie scheint hier alles vor 100 Jahren in einen Schlaf gefallen zu sein. Nur die Spitzengardinen an den Fenstern, die beiden Spiegel an der Wand und die Plüschtiere auf dem Schränkchen erinnern an das 21. Jahrhundert. Ein letzter Hauch von Gesellschaft.
Ich will ein einfaches Leben führen", sagt Tü!Tü!. Abseits von Gewalt und Konsum. Darauf ist unser Staat aufgebaut." Weil sie nicht mehr als Brigitte Teil dieses Staates sein wollte, schickte Tü!Tü! ihren Ausweis an den Bundespräsidenten zurück. Der allerdings wollte ihn nicht haben und sendete das Dokument wieder retour an die Aussteigerin. Man könne nicht staatenlos sein, stand im Begleitbrief. Wer aus einem Staat austrete, müsse gleichzeitig in einen anderen eintreten. Tü!Tü! gab nicht auf. Sie verbrannte ihren Ausweis und ließ das den Präsidenten wissen.
Tü!Tü! träumt von einer neuen Gesellschaft. Einer ohne Ellbogen, ohne Machtgelüste, ohne Gewalt. Sie selbst lebt vor, wie das aussehen könnte: In erster Linie will ich ein verantwortlicher Mensch sein. Bei allem, was ich tue, überlege ich mir, ob es dem Wohl der Welt dient." Das heißt zum
Ersten, die Natur zu schützen. Zum Zweiten, keine Gewalt anzuwenden, und zum Dritten, andere zu beschenken. Wie es einst Tü!Tü!s Vorbilder vorlebten: Jesus, Franziskus, die amerikanische Pilgerin Peace Pilgrim" und Gandhi, dessen Porträt im Großformat über dem Schreibtisch im ersten Stock prangt.
Allerdings geht Tü!Tü! in ihrem Extremismus weit über ihre Vorbilder hinaus: Sie hat ihre Ernährung so umgestellt, dass die Zutaten völlig gewaltfrei zu besorgen sind. Da bleibt nur Gemüse. Und das wird nicht einmal gekocht. Die Natur hat uns Obst und Kräuter gegeben, damit wir sie in ihrer ursprünglichen Form essen. Wenn wir sie mit heißem Wasser übergießen oder braten, machen wir sie unnatürlich." Letztendlich sei das sogar Gift für den menschlichen Körper.

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Spinnweben als Deko: Hier schreibt Tü!Tü! ihre Philosophie nieder - mit Tusche
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Seit mehr als zwei Jahren lebt Tü!Tü! deshalb nur von einheimischer Rohkost". Jetzt im Winter besteht diese lediglich aus Äpfeln und Wildkräutern. Äpfel sammelt sie im Herbst und lagert sie zu hunderten im Keller ein. Wildkräuter wachsen im Wald oder im hauseigenen
Friedensgarten. Da gedeiht bitterer Gundermann neben Löwenzahn und Erdbeeren. Selbstgezimmerte Gartenmöbel schwanken im eisigen Wind. Drüben bei Nachbars grinst das Fernsehbild durch die Scheibe, als wolle es kleine Kinder mahnen, nie mit Öffis fortzugehen. Die Kinder haben verstanden: Is' doch voll langweilig, wie die Tü!Tü! lebt", findet der
16-jährige Nachbarssohn. Den ganzen Tag nur Äppel fressen ... was soll denn das?"
Während auf ihn ein reich gedeckter Esszimmertisch und ein warmes Bett warten, putzt sich Tü!Tü! mit einem weichgekauten Holzstückchen die Zähne und friert sich in ihren klammen Decken fest. Nicht mal heißes Wasser gönnt sie ihrem Magen: Das vertrage ich gar nicht mehr!" Trotz allem sei diese Lebensform noch Luxus im Vergleich zu dem, was sie während ihrer Pilgerschaft und im Haus der Gastfreundschaft erlebte. Dort kam es hin und wieder zu Übergriffen von Rechtsradikalen, denen der Lebensstil des seltsamen Paares nicht gefiel. Einmal warf jemand mit Messern nach mir", erzählt Tü!Tü! und lächelt dabei. Sie wollten mich auf die Probe stellen. Wenn du gewaltfrei lebst, dann beweise es und wehr dich nicht', sagten
sie."
Sie kam unverletzt davon. Auch einige andere Male konnten Tü!Tü! und
Öff!Öff! mit Baseballschlägern bewaffnete Skins durch Gespräche besänftigen. Immer klappte das nicht. Einmal wurde mein Freund lebensgefährlich zusammengeschlagen", erinnert sich die junge Frau. Da gingen sie ins Krankenhaus und wurden kostenlos behandelt.
Im Normalfall vertraut Tü!Tü! auf ihre Selbstheilungskräfte. Ganz selten nur werde sie krank, betont sie. Und wenn, dann sei das auf psychische Probleme zurückzuführen. Gegen jede Krankheit sei schließlich ein Kraut gewachsen. Ihre Weisheiten hat Tü!Tü! aus Büchern und allerlei Gesprächen. Es ist schade, dass so viel altes Wissen verloren geht. Ich als Kind der Wohlstandsgesellschaft musste mich erst aufmachen, es wieder zu entdecken."
Wie eine Tochter aus bürgerlichem Hause sieht Tü!Tü! nicht mehr aus, Ihre Eltern haben Brigitte verloren und wollen keinen Kontakt zu Tü!Tü!. Der ehemalige Kartoffelsack, aus dem sie ein Oberteil genäht hat, wirkt wie eine Kutte. Und das soll er auch irgendwie sein. Es ist eine sehr praktische Kleidung", erklärt Tü!Tü! in ihrer stoischen Ruhe. Im Winter kann ich mehrere Schichten darunter tragen. Und es soll ein Zeichen dafür sein, dass ich mich mit den Armen solidarisiere."
Besitzlosigkeit - wie sagte der heilige Franziskus so schön: Hätte ich Eigentum, bräuchte ich Waffen, um es zu verteidigen." Deshalb hat Tü!Tü! alles verschenkt. Und sie hofft immer noch, dass auch andere Menschen sich aufraffen und ihr etwas schenken. Mit dem wenigen, was sie bekommen hat, hat sie ihre Ruine eingerichtet: abgetragene Kleider, alte Decken, ein paar Bücher und Sperrmüll-Möbel.
Mit den Decken und etwas Holz hat sie sich im Schlafraum eine Jurte gebaut. Die sieht aus wie das Gestell eines Planwagens und steht über dem Bett, um die Wärme zu halten. Wenn's draußen minus zehn Grad hat, schaffe ich damit hier drin plus zehn Grad", sagt Tü!Tü! stolz. Trotzdem hat sie im letzten Winter Frostbeulen an den Fingern bekommen. Selbst die wärmste Decke wird in der zugigen Wohnung bei Schnee und Frost klamm. Und wenn der eigene Atem in der Luft gefriert, dann hilft auch keine Kerze zum Aufwärmen der Finger mehr.
Manchmal, ja manchmal erwischt sich Tü!Tü! bei dem Gedanken an ein warmes Zimmer mit einem Klavier darin. Doch das wird es nicht mehr geben. Denn die Frau geht ihren Weg. Wenn auch nicht so weit wie Öffi.
Der nämlich ist mittlerweile 37 Jahre alt und will in 13 Jahren - nach seinem 50sten Geburtstag, wenn sich die Welt bis dahin nicht grundlegend geändert haben sollte - ein Zeichen setzen: Fasten bis zum Tode. Je gieriger ihr seid, desto bescheidener lebe ich", soll seine Botschaft an die Gesellschaft sein. Wem das nützen wird? Tü!Tü! bestimmt nicht. Denn dann wird sie noch einsamer sein, als sie's jetzt nicht zugeben will. Wenn er nicht mehr lebte, hätten wir eine innere Verbindung", glaubt sie und fügt hinzu: Wer sich ehrlich für Gewaltfreiheit engagiert, dem muss klar sein, dass er dafür mit seinem Leben bezahlen könnte." Auch, wenn keiner seinen Todesschrei hört. Regina Käsmayr, x-mag Januar 2001
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